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Gründerin Bettina

Betinna Steinbrugger

Gemeinsam mit ihrer Co-Founderin Annemarie räumen die beiden mit dem längst überholten Tabu der Menstruation auf. Für sie zählt nicht der Profit, sondern vor allem der Nachhaltigkeits-Gedanke. Bettina und Annemarie haben die erdbeerwoche gegründet.

„Auf der anderen Seite gibt es Ansätze bei Völkern bei denen menstruierende Frauen vergöttert werden.“

Erzähl von deinem Leben!

Ich komme ursprünglich aus Kärnten und habe mich erst daran gewöhnen müssen, das zu sagen und mich nicht gleich zu genieren. In meiner Jugend war es nicht sehr rühmlich aus Kärnten zu kommen. Mittlerweile hat sich das schon geändert. Ich bin 32 Jahre alt und Mitgründerin und Geschäftsführerin der Erdbeerwoche. Nach der Schule habe ich Französisch und Spanisch in Graz studiert. Mein Ziel war es immer, mich irgendwann selbstständig zu machen. Aber ich hatte noch keinen Schimmer was ich machen will. Meine große Leidenschaft waren immer Sprachen und das Kennenlernen neuer Kulturen. Ich wollte auch immer etwas machen, das einen Sinn macht und das nicht nur für mich, sondern für die Gesellschaft. Über Umwege bin ich dann auf das Nachhaltigkeitsthema gekommen, u.a. durch die Studentenorganisation AIESEC. Das ist eine Organisation, die sich vielen unterschiedlichen Projekten widmet. Wir haben damals in der Gruppe ein Projekt zum Thema faire Kleidung gestartet. Das ist nun ca. 15 Jahre her und da war das Thema noch nicht so in aller Munde, wie es heutzutage ist. Damals ist mir klar geworden, dass ich in dem Bereich der Nachhaltigkeit arbeiten möchte. Nach dem Studium habe ich bei Respact, einer Organisation für nachhaltiges Wirtschaften, begonnen zu arbeiten. Dort habe ich die Annemarie kennengelernt.

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Wie kam es zur Gründung der erdbeerwoche?

Wir sind dann eigentlich zufällig auf das Thema nachhaltige Frauenhygiene gestoßen, als wir eine Pressemeldung über Bio-Tampons gelesen haben. Im ersten Moment haben wir uns gefragt: „Was ist das wieder Skurriles?“ Irgendwas an dem Thema hat uns aber nicht losgelassen und wir haben begonnen zu recherchieren. Wir mussten feststellen, dass es zu dieser Thematik wirklich ein großes ökologisches und gesundheitliches Problem gibt. Obwohl wir im Zuge unserer Arbeit viel mit nachhaltigen Unternehmen und Produkten zu tun gehabt haben, hatten wir selbst noch nie über die Nachhaltigkeit von Monatshygieneartikeln nachgedacht. Wir haben uns die Frage gestellt „Wo werden die Produkte hergestellt?“, „Woraus bestehen diese Produkte?“ In vielen Gesprächen mit Frauen sind wir auf das Tabu-Thema Menstruation gekommen. Selbst im 21. Jahrhundert wird kaum über dieses Thema gesprochen. Aus diesem Grund werden die Produkte auch nicht hinterfragt. Und so ist die erdbeerwoche entstanden.

Was war der bewegendste Moment in deinem Leben?

Da gibt es so viele! Ich würde es schöner Moment nennen. Das war für mich, als ich mir vor einigen Jahren eine Auszeit, gemeinsam mit meinem Mann, genommen habe und wir 3 1/2 Monate in Kolumbien und Chile unterwegs waren. Wir haben uns aus allem rausgenommen und uns bewusst die Zeit genommen über das Leben nachzudenken. Dort waren wir Paragliden. Das war etwas, wo ich gesagt habe, das werde ich nie in meinem Leben machen, da ich auch panische Angst davor hatte. Aber dieses Land und generell die Leute in Kolumbien vermitteln mir ein ganz anderes Lebensgefühl. Diese Menschen leben einfach in den Tag hinein und hinterfragen einfach weniger die Zukunft. Das färbt ab. Als ich an der Klippe stand, dachte ich: „Was tue ich da jetzt eigentlich?“ Vor allem, weil die Sicherheitsvorkehrungen in Kolumbien eher mangelhaft sind. In der Sekunde als ich mich von der Klippe gestoßen habe, war dann aber die Angst weg. Und dann war es nur noch schön und toll. Diesen Mut habe ich auch mit nachhause genommen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich die erdbeerwoche nebenbei gemacht und wollte nichts riskieren. Nach meiner Rückkehr habe ich meinen Angestelltenjob gekündigt und mich voll und ganz auf die erdbeerwoche konzentriert.

Wie stehst du zu dem Thema der freien Menstruation (Menstruation ohne Hygieneartikel)?

Ich finde es ein sehr spannendes Thema. Ich kann es nicht. Ich glaube man kann sich das bis zu einem gewissen Grad antrainieren. Aber ich denke, dass es u.a. auch mit der Stärke der Blutung zusammenhängt. Ich glaube dass dieses Thema insbesondere in Ländern zum Tragen kommt, wo keine Hygiene-Artikel zur Verfügung stehen.

Was bedeutet für dich Tabu?

Tabu ist etwas worüber  in der Gesellschaft nicht gesprochen wird, etwas Geheimes und Verbotenes. Ich habe es selbst mal nachrecherchiert und Tabu kommt vom Polynesischen „Tapua“ und bedeutet einerseits Verbot und unrein und andererseits Mystik. Es wurden seit Jahrtausenden Frauen während der Menstruation als unrein verteufelt. Auf der anderen Seite gibt es Ansätze bei Völkern bei denen menstruierende Frauen vergöttert werden. Da werden sogar Mädchen oder Frauen über die Felder geschickt, um diese fruchtbar zu machen. Deshalb hat für mich ein Tabu zwei Seiten.

Gibt es irgendein Tabu-Thema für dich?

Ganz ehrlich? Mir fällt schon gar kein Tabu-Thema mehr ein. Bei uns ist es mittlerweile normal über alles zu sprechen, was mit der Menstruation zu tun hat, ob das jetzt das Thema Scheidenpilz ist oder was auch immer.

Was waren die größten Hürden bei Beginn des Start Ups?

Zu Beginn war es das Tabu selbst, nämlich dass mich ganz viele Menschen gefragt haben: „Was, ihr wollt euch mit Bio-Tampons beschäftigen?“ Da haben wir erstmals gemerkt, dass die Reaktionen nicht alle positiv waren. Auch haben wir viel über unseren Namen nachgedacht. Erdbeerwoche ist dann recht schnell festgestanden und ich hatte dann auch das Bild von einer Erdbeere, die in ein Tampon übergeht im Kopf. Das passt auch ganz gut zu uns, weil wir mit dem Verschleiern spielen. Als wir die ersten Logo-Entwürfe unseren Bekannten und Verwandten gezeigt haben, waren die ersten Rückmeldungen voller Ekel. Wir haben dann festgestellt, dass die Werbung uns über Jahre hinweg weis gemacht hat, dass Blut blau ist. Denn die Menstruation wurde nie so dargestellt wie sie ist.

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Wie beurteilst du die Gleichberechtigung von Frau und Mann in Österreich?

Ich persönlich sehe das kritisch. Ich sehe, dass wir in Österreich im Vergleich zu Skandinavien hinterher hinken. Wir haben noch einen wirklich weiten Weg zur Gleichberechtigung. Ich sehe auch, dass wir sogar Rückschritte hinnehmen müssen und der Begriff Feminismus total negativ belegt ist. Was ich nicht verstehen kann, da unsere Mütter und Großmütter diese Rechte erkämpft haben. Wir laufen eher Gefahr, dass wir die Rechte wieder verlieren, weil eine gewisse Bequemlichkeit eingetreten ist. Das finde ich problematisch.

Wie würde dich deine beste Freundin beschreiben?

Sehr kommunikativ, wahrscheinlich zu kommunikativ, denn manchmal rede ich zu viel. Ich stehe sehr zu meiner Meinung und vertrete diese auch wenn sie wer nicht hören möchte. Ich bin ein kreativer Mensch mit einem Hang zum Chaos. Ich bin unternehmungslustig, neugierig und für alles zu haben, was es neu zu entdecken gilt. Hin und wieder tendiere ich zum Pessimismus, weil ich mir denke: „Besser nicht zu optimistisch“.

Was bedeutet für dich Mut?

Mut bedeutet für mich aus meiner Komfortzone herauszutreten. Dinge zu tun, die man sich selbst eigentlich nicht zutraut. Etwas zu schaffen, was nicht nur einem selbst etwas bringt, sondern auch anderen.

Ihr legt viel Wert auf das Thema der Nachhaltigkeit. Sind die Menstruationstassen aus Bio-Plastik?

Nein, die Menstruationstassen sind aus medizinischem Silikon und halten bis zu 10 Jahre. Die dürfen nicht aus Kunststoff sein. Wir haben einen Produktkriterienkatalog, bei dem wir für die wiederverwendbaren und auch die kompostierbaren Wegwerf-Produkte Kriterien festgelegt haben. Bei den kompostierbaren Wegwerf-Produkten achten wir darauf, dass sie biologisch abbaubar sind und ohne synthetische Materialien auskommen.Bei den wiederverwendbaren Produkten ist dies leider teilweise nicht möglich, da ein Produkt wie die Menstruationskappe jahrelang halten soll und daher nicht kompostierbar sein kann. Aber es ist uns bei diesen Produkten auch sehr wichtig, dass wir erdölfreie und unbedenkliche Materialien verwenden. Durch die Wiederverwendbarkeit gibt es einen großen ökologischen Effekt, der zu Energieeinsparung, CO2-Einsparungen und Wassereinsparungen führt. Mit einer Menstruationskappe erspart man sich bis zu 2000 Tampons.

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Sind die konventionellen Tampons gesundheitsschädlich?

Ja, es gibt bereits einige Tests, die gesundheitsbedenkliche Stoffe nachwiesen. Angefangen bei Dioxin-Rückständen, die bei Bleichprozessen auftreten bis zu Weichmacherstoffen und bei einer anderen Studie wurden Glyphosat-Rückstände festgestellt. Das sind alles Stoffe, die eine Frau nicht an ihren empfindlichen Stellen haben möchte.

Wo lässt ihr eure Produkte produzieren?

Wir haben verschiedene Hersteller. Wir produzieren nicht selbst. Wir haben uns als Philosophie auferlegt Produkte, die in Europa produziert werden, zu verkaufen. Die Bio-Tampons werden in Deutschland, die Bio-Binden in Italien und die zwei Menstruationstassen in Finnland und in Tschechien produziert. So haben wir unterschiedliche Partner in Europa.

Wenn du dein Leben nochmals leben könntest, würdest du etwas ändern?

Ich würde nichts ändern. Ich bin über jede Erfahrung glücklich, egal ob negativ oder positiv. Ich glaube man lernt von den Herausforderungen.

Hast du als Kind einen Berufswunsch gehabt?

Ja, ganz viele. Es hat sich bei mir ständig geändert. Aber ein Berufswunsch hat sich gehalten, nämlich wollte ich Walforscherin werden. Mich haben die Meeressäugetiere von Kind auf fasziniert. Das erste Mal, als ich einen Wal in echt gesehen habe, war auch ein sehr prägender Moment. Deswegen fahre ich auch gerne in Länder, wo Wale zu sehen sind.

Jetzt wo du dein eigener Chef bist, fällt es dir leicht in der Früh aufzustehen?

Dadurch dass wir von Beginn an zu zweit waren, war das für mich kein Thema. Wenn ich jetzt ganz allein gewesen wäre, dann würde ich mir glaube ich schwer tun aus dem Bett zu kommen und mich zu motivieren. Jetzt haben wir Mitarbeiterinnen und ein Team und das ist Grund genug ins Büro zu fahren. Das Start-Up Leben ist nicht so glamourös wie es oft gezeigt wird, denn es ist wirklich harte Arbeit und man muss mit wirklich wenig finanziellen und personellen Ressourcen  auskommen. Auch wenn das jetzt pathetisch klingt – was mir auch hilft ist der Gedanke, dass wir versuchen die Welt ein bisschen besser zu machen.

Weitere Informationen unter: www.erdbeerwoche.com

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