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Naturkosmetik-Pionier Wolfgang

Wolfgang Stix

Über einen Drogisten, der bereits vor 50 Jahren mit seinem Vater ein Naturkosmetik Unternehmen aufgebaut hat. Wolfgang Stix berichtet über seine Erfolgsgeschichte und den Hürden.

Erzähl bitte von deinem Leben!

Also ich bin in Wien geboren worden, habe dann meine Kindheit großteils bei meinen Großeltern im Waldviertel verbracht, habe in Wien in Strebersdorf die Volkschule und anschließend fünf Jahre Gymnasium besucht. Währenddessen habe ich einmal das Gymnasium gewechselt, weil ich an Latein gescheitert bin und mit Matura abgeschlossen. Danach habe ich begonnen, die Rosensteingasse (höhere Lehranstalt und Fachschule für chemische Berufe) zu besuchen. Das war mir aber zu technisch. Daraufhin habe eine Ausbildung zum Drogisten absolviert. Anschließend habe ich noch ein paar Semester Pharmakologie studiert, aber das hat mir auch nicht Spaß gemacht. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt auch schon arbeiten. So habe ich im Außendienst bei der Firma Wella begonnen und war dort zwei Jahre beschäftigt. Da war aber auch schon der Gedanke da, später mit meinem Vater die Naturkosmetik-Firma zu betreiben, die er als Kleinstfirma im Jahr 1965 gegründet hat. Nach dem Präsenzdienst bin ich dann vollständig zu meinem Vater in die Firma gekommen und gemeinsam haben wir die Firma aufgebaut. Wir hatten nur ein paar Produkte, nämlich die Kräutergarten Shampoos und zwei Gesichtscremen. Unser Hauptprodukt war die Waldviertler Ziegenbutter Massagecreme. Das war die Rezeptur von meinem Urgroßvater. Und ich bin damals in die Apotheken verkaufen gefahren. Ich habe unser Produkt gut verkauft und auch Naturkostläden waren sehr gute Kunden von uns. Mein Vater ist 1984 sehr plötzlich an Krebs verstorben und ich habe die Firma alleine weitergeführt. Das war ein ziemlicher Rückschritt, weil ich nicht nur den Verkauf machen musste, sondern auch die Produktion. 1985 erfuhr ich den nächsten Schicksalsschlag, als ich mit der Firma abgebrannt bin. Das war eine Schlamperei mit dem Handling von Alkohol. Das hat mich dann noch mehr angestachelt, wenn man am Boden liegt, dass man noch mehr Gas gibt.

Was waren die größten Flops und Erfolge?

Eines meiner tollsten Projekte war damals die Aroma-Therapie. Durch einen Bekannten hatte ich das Glück, ungarische Duftlampen zu einem sehr günstigen Preis zu bekommen. Ich war der einzige in Österreich, der über einen langen Zeitraum Duftlampen zum Verkauf anbieten konnte. An diesem Geschäft haben wir wirklich gut verdient. Nach zwei Jahren Duftlampen-Verkauf konnte ich mir in Ober-Grafendorf eine zweite Produktionsstätte bauen. Da mussten selbst Leute bei mir kaufen, die mich nicht mochten, weil sie einfach an Duftlampen rankommen wollten. Ich hatte auch ein Pech gehabt mit einem Geschäftspartner. Wir haben einen Energy Drink kreiert, der „Mayday – Der Powersaft mit Urwaldkraft“ hieß. Da hatten wir leider einen schlampigen Abfüller und einen größenwahnsinnigen Geschäftspartner gehabt. Das war ein ziemlicher Bauchfleck, bei dem ich beinahe meine Existenz verloren hatte. Aber auch das habe ich wieder hinbekommen.

Energydrink „Mayday“

Warum hast du dich für den Export entschieden?

Es war ein guter Rat meines Freundes und Betriebsberaters als der gemeint hat, dass wir das Geld, das wir in Österreich benötigen im Inland nicht mehr verdienen können und wir den Export gestartet haben. Bei einer Messe in Singapur haben wir einen Russen kennengelernt und mit diesem Geschäft hat die Expansion begonnen. Jedes Jahr konnten wir den Umsatz vervierfachen.

Der Begriff „Naturkosmetik“ hat sich in letzter Zeit verändert. Was verstand man damals unter diesem Wort?

Damals war Naturkosmetik ein sehr geheimnisvoller Begriff. Zu Beginn hat keiner wirklich gewusst, was Naturkosmetik ist. Wir haben bei der Gründung, wo es noch keine Rohstoffdeklarationen und keine Inhaltsvorschriften gab, den Begriff Naturkosmetik so definiert, dass wir ausschließlich kaltgepresste Pflanzenöle, Kräuterextrakte, ätherische Öle und Hilfsemulgatoren für die Produktion verwendet haben. Im Jahr 2000 hat der Öko-Test die Parabene noch mit zwei grünen Blättern bewertet, also als empfehlenswert deklariert. Heute sind diese Inhaltsstoffe „Pfui Teufel“. Es hat sich in dem Trend viel geändert. Der Weg zur ECOCERT Zertifizierung war ein langer und schwieriger Weg. Und jetzt haben wir glücklicherweise Rahmenbedingungen, die zur Definition der Naturkosmetik helfen.

Wie wurden die Produkte damals von den Konsumenten wahrgenommen?

Wir hatten immer schon innovative Produkte. Eines unserer innovativen Produkte war damals das Joghurt-Shampoo mit Kokosöl. Das war einer unserer Heuler. Wir hatten auch das Glück gehabt, dass wir nie Tierversuche gemacht haben und somit seit 1978 auf der Liste des deutschen Tierschutzbundes sind. Der Tierschutztrend war auch zu diesen Zeiten schon ausgeprägt und über diese Trends sind wir zu unseren Kunden gekommen. Ich habe mir auch immer überlegt, mit welchen Marketingaktivitäten wir als kleiner Hersteller mit kaum vorhandenen Werbebudget unsere übermächtige Konkurrenz ausstechen könnten. Mir ist damals die Idee gekommen, dass man die Kunden belohnen sollte. Meine erste Idee, die heute von Teilen der Leute noch kopiert wird, allerdings ist es nicht mehr effizient, war die, dass wir für zehn leere Verpackungen ein Shampoo schenken. Unsere Verpackung war zu diesem Zeitpunkt noch aus Glas und wir verwendeten diese immer wieder. Als wir im Jahr 2005 die EU-Kosmetikverordnung bekommen haben, mussten wir die Keimzahl dramatisch reduzieren. Mit den selbst ausgewaschenen Flaschen konnten wir die neue geltende Keimzahl nicht mehr erreichen und mussten dann diese Aktion aufgeben.

Traditionsprodukt Ziegenbutter Massagecreme

Was war dein prägendster Lebensabschnitt?

Ein ganz ein toller Moment war der, als ich meine Frau kennengelernt habe.

Wie würde dich dein bester Freund beschreiben?

Verlässlich, ehrlich und schwer einen Termin zu bekommen.

Wenn du dein Leben nochmals leben könntest, würdest du dann etwas ändern?

Von meiner Ausbildung und meinem Werdegang nein. Nur wenn ich das wissen würde, was ich heute weiß, dann würde ich wahrscheinlich schneller vorankommen.

Welche Erfahrungen sind das?

Dass man rein mit Geld keine Werbung machen kann. Wir haben früher sehr viel Geld für Werbung ausgegeben. Da war sehr viel Sinnloses dabei. Und ein Punkt, den ich erst einmal nutzen konnte und der wirklich super funktioniert, der lautet: Wenn die Aktienpreise steigen, fällt der Goldpreis. Das heißt man soll Aktien dann kaufen, wenn sie im Fliegen sind und Gold kaufen. Und die Aktien sinken immer wieder. Dann gibt es einen Crash. Ich habe 2008 meinen vierten Börsencrash erlebt. Ich habe zwar nie viel Geld verloren, aber es reicht ja, wenn es ein paar Tausend Euro sind. Ich habe bereits einmal alle meine Aktien am Höhepunkt verkauft, Gold angekauft und wie die Aktien am Boden waren  -der Goldpreis bei Tausend Euro lag- habe ich das ganze Gold verkauft. Daraufhin habe ich wieder billige Aktien gekauft. Und die billigen Aktien bin ich wieder am Verkaufen, weil ich glaube, dass es in den nächsten Jahren wieder zu einem Crash kommt. Ich habe mir die ganzen Rhythmen angesehen und es läuft immer wieder so ab.

Gibt es ein Erfolgsrezept für ein Unternehmen?

Man darf nicht auf die Uhrzeit sehen. Gerade wenn man jung ist, muss man die Zeit nutzen, um etwas aufzubauen.

Öko-Fuhrpark, eine Umweltmaßnahme von vielen

Was waren die Schwierigkeiten nachdem dein Vater verstorben ist?

Das waren die ganz normalen Probleme. Ich war ein junger Mensch, den kein Banker ernst genommen hat. Das Projekt Naturkosmetik hat kein Mensch ernst genommen. Zuerst haben sie gesagt: „ Die zwei Stix spinnen.“

Was bedeutet für dich Natur?

Natur bedeutet für mich Wohlfühlen, frische Luft, frisches Wasser und Sonne.

Was bedeutet für dich Naturkosmetik?

Produkte, mit denen ich mich wohlfühle und in denen keine Chemie enthalten ist.

Wie wird sich die Naturkosmetik in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Meine Beobachtung ist die, dass viele Unternehmer noch den grünen Mantel umgehängt haben, aber diese gehören mittlerweile einem Konzern. Es werden zwar noch weiterhin kleine Unternehmen von Konzernen gekauft, weil diese aus dem Grund gebraucht werden, da ab einer gewissen Größe die Rohstoffe nicht mehr erhältlich sind. Man bekommt nur eine gewisse Menge an organischen Jojoba- Öl. Es gibt nur begrenzt Rohstoffe und so werden viele Firmen den Weg verlassen. Der Bodyshop hat den Weg bereits verlassen. L‘Occitane haben mittlerweile die Pflanzenöle mit Paraffinöl ausgetauscht. Ich glaube, dass der Konsument immer kritischer wird und der Markt immer spezieller. Es werden sich einige Firmen den Markt teilen und ein anderer Teil wird den Markt verlassen. Die Konsument werden drauf kommen.

Welche Stellung nimmt die Nachhaltigkeit im Unternehmen ein?

Das ist einer der wichtigsten Punkte, weil ich glaube, wenn wir nicht nachhaltig arbeiten, dass wir zukünftig keine Chance haben werden. Denn dann werden wir in Dreck ersticken. Und ich habe einfach Akzente gesetzt und versuche Vorreiter zu sein, um Menschen anzuspornen, dass sie auch darüber nachdenken.

Was verstehest du unter dem Begriff Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit sollte sein, dass Recht Recht ist und Recht bleibt. Wenn du mich jetzt fragst, wie ich das meine, dann muss ich zur Antwort geben: Es gibt Paragraphen, die Gummi-Paragraphen sind und der, der sich einen guten Anwalt leisten kann, geht frei und der, der einen schlechten Anwalt hat, bekommt eine Strafe.

Welche Rolle spielen bei dir die Mitarbeiter im Unternehmen?

Mitarbeiter sind das Kapital eines Unternehmens. Größere Unternehmen haben die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter zu motivieren und bedienen sich anderen Instrumenten, wie Betriebspsychologen. Ein kleines Unternehmen kann einen gewissen Wohlfühlfaktor schaffen und der Mitarbeiter in einem kleinen Unternehmen spielt eine größere Rolle als in einem großen. Wenn der Shareholdervalue nicht stimmt, werden Mitarbeiter abgebaut und es werden meistens externe Dienstleister mit dem Ziel zum Stellenabbau herangezogen. Da wird dann nicht Rücksicht darauf genommen, dass die Frau von dem Angestellten gerade ein Kind bekommen hat oder die Mutter ein Krebsleiden hat. Da geht es nur um Zahlen und Kosten. Was jetzt besser ist, kann ich nicht beantworten.

Wie würde dein persönliches Utopia aussehen?

Beschreiben kann ich es nur als Blumenwiese mit einem Holzhaus, einer Familie, friedliche Nachbarn, keine Umweltbelastung und keinen Sorgen.

Welche Faktoren haben deinen Erfolg begünstigt?

Das sind drei Faktoren: Fleiß, Glück und Durchhaltevermögen. Das ganze gepaart mit Intelligenz.

Was verstehest du unter Intelligenz?

Beispielsweise, wenn ich Geld verdiene und mir gleich einen Mercedes kaufe, anstatt dieses in das Unternehmen fließen zu lassen – dann ist das nicht besonders intelligent. Es ist auch nicht besonders intelligent, wenn ich glaube, dass ich Unternehmer bin, zehntausend Euro Umsatz in der Tasche habe und glaube, dass es sich um einen Gewinn handelt.

Naturkosmetik-Produktion

Was bedeutet für dich Wohlstand?

Genug zu essen, nicht frieren und ein gutes Glas Wein.

Was bedeutet für dich Liebe?

Zuneigung und Verständnis.

Gibt es das Gute oder das Böse in der Welt?

Das Gute und das Böse gibt es sicher. Nur wie man es formulieren soll, ist schwierig. Gut ist, was für die Menschheit gut tut und was einfach schön ist und böse ist, was den Menschen Leid zufügt.

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