Allgemein, Interviews
Schreibe einen Kommentar

Schauspieler Gerhard

Gerhard Dorfer

Ich habe den Schauspieler Gerhard Dorfer zum Interview getroffen. Im Gespräch erzählt er von seinen Hürden bevor er Schauspieler geworden ist und was er Menschen zur Erreichung ihrer Träume raten würde.

„Es gibt einen Spruch, der lautet: „Die Bösen sind immer die Interessanteren.“ Es ist auch seelisch gesünder, einen Bösen zu spielen, denn da wird man was los.“

Erzähl bitte von deinem Leben!

Das Charakteristische an meiner Kindheit ist, dass ich im Krieg aufgewachsen bin. Das ist die Generation, die jetzt allmählich beginnt wegzusterben.  Ich bin Jahrgang 1939 und auf mich trifft zu: „Im Frieden gezeugt und im Krieg  geboren“. Die letzten drei Wochen des Krieges habe ich mit meiner Mutter und den Bewohnern unseres Hauses in der Wiener Innenstadt im Keller verbracht. Es gab Bombeneinschläge rund herum, aber unser Haus ist davon verschont geblieben. Im Herbst 1945 bin ich im befreiten Österreich in die 1. Klasse Volksschule eingeschult worden. Mein Vater war bei der Gemeinde Wien Verwaltungsjurist und meine Mutter hat vornehmlich als Sekretärin gearbeitet. Dann kam die Mittelschulzeit und für das Kind eines Akademikers war klar, dass es in diese Schule gehen muss. Die Aufnahmsprüfung habe ich leicht geschafft, aber als die Pubertät eingesetzt hat, haben auch die Probleme eingesetzt.  Wenn ich heute mit meiner Frau durch Wien gehe, dann kann ich ihr fast an jeder Ecke eine Schule zeigen, an der ich kurz „gastiert“ habe. Als in der 5.Klasse Gymnasium auch noch Altgriechisch auf mich zukam, bin ich schließlich massiv gescheitert.

Was haben deine Eltern dazu gesagt?

Meine Eltern haben mich dann zur Berufsberatung gebracht und dort wurde befunden, dass ich technisch begabt sei. Tatsächlich bin ich technisch nicht unbegabt, aber beruflich war es dann doch nicht ganz passend für mich. Meine Eltern haben nämlich, sicherlich in der besten Absicht, die Unvorsichtigkeit begangen, mich im Alter von 12 Jahren mit ins Burgtheater mit zu nehmen. Dort habe ich die Felsenstein-Inszenierung der „Räuber“ von Schiller gesehen. Das hat bei mir einiges ausgelöst. Mir war klar: das möchte ich auch machen. Zunächst wurde das nicht besonders ernst genommen. Mein Vater als Beamter hat gemeint, das würde sich schon wieder legen, und zunächst müsse ich einmal einen ordentlichen Beruf erlernen.

141 (1)

Welche Ausbildung hast du dann ergreifen müssen?

Da ich laut der Beratungsstelle ja technisch begabt war, entschloss man sich mich auf eine technische Mittelschule zu schicken.  Es gab aber nur noch einen freien Platz und zwar im Bereich Tiefbau und so bin ich dann in diese Schule gegangen. Fünf Jahre lang bin ich  zum Tiefbautechniker ausgebildet worden. Das habe ich über mich ergehen lassen und habe mit Matura abgeschlossen. Ich habe danach auch noch fast drei Jahre in diesem Beruf gearbeitet und zum Beispiel bei der Draubrücke  der Jauntalbahn in Kärnten mitgebaut.

Wann kam die Schauspielerei wieder in dein Leben?

Das Theater hat mich nicht losgelassen. Nach einer gewissen Zeit bin ich dem Beruf als Techniker doch entlaufen und habe versucht etwas anderes zu starten. Ich hab einen Theaterclub gegründet. Ich habe die Aufnahmsprüfung im Reinhardt Seminar gemacht, bin natürlich nicht aufgenommen worden. Ich bin dann in eine private Schauspielschule gegangen. Im Prayner-Konservatorium in der Mühlgasse bin ich dann zum Schauspieler ausgebildet worden. Gleichzeitig hat sich auch privat einiges bei mir getan.

Wie würdest du deine privaten Ereignisse zu dieser Zeit schildern?

Ich habe ein Mädchen kennengelernt, sie stand unmittelbar vor der Matura und sie wurde schwanger.  Es ging so weiter, dass  wir heirateten, sie die Reifeprüfung ablegte, unseren Sohn Alexander zur Welt brachte und mit dem Pharmaziestudium an der Uni in Wien begann. Es gab da noch einen letzten Versuch, mich in einem bürgerlichen Beruf unterzubringen, ich bekam einen Job bei einer Versicherung. Aber kaum war unser ältester Sohn geboren, ging ich in meine erstes festes Engagement nach Stuttgart. Drei Jahre war ich am Stadttheater in Baden bei Wien engagiert. Danach ging ich an das Theater in Bamberg,  von dort nach Frankfurt und schließlich nach Zürich. In Zürich hatte ich mit dem Theater am Neumarkt für sechs Monate abgeschlossen, aber aus den sechs Monaten sind sieben Jahre geworden. Ich habe dort in dieser Zeit erstklassige Kollegen und bedeutende Regisseure kennen gelernt. Unsere Familie erhielt bereits während des Aufenthalts in der Schweiz Zuwachs. Unser Sohn Dominik kam in Zürich auf die Welt. In Österreich wurde unser Familienglück nochmals größer, wir bekamen Zwillinge: Lorenz und Vinzenz. Nach einer kurzen Pause habe ich in Salzburg am Landestheater viel Theater gespielt.  Und schließlich kam ich zurück in meine Heimatstadt Wien und spielte am Theater in der Josefstadt und im Volkstheater. Auch das Fernsehen meldete sich. Durch meine Bekanntschaft mit  Kurt Junek, der viel beim ORF gearbeitet hat,  bekam ich das Angebot den Polizeihofrat Putner zu spielen, den ich dann 14 Jahre lang in den österreichischen Tatort-Folgen verkörpert habe. Auch mit meinem alten Freund Peter Patzak habe ich bei  „Kottan ermittelt“ zusammengearbeitet und in vielen anderen österreichischen Serien wie „Schlosshotel Orth“, „Kaisermühlenblues“ , „Julia, eine ungewöhnliche Frau“ , „Vier Frauen und ein Todesfall“, „Novotny und Maroudi“ und „Die Lottosieger“  war ich mit von der Partie. Ich spiele bis heute noch Theater und verheiratet bin ich auch noch. Mit einer gewissen Genugtuung kann ich, wie ich meine, auf ein  gelungenes Leben zurückblicken.

Was würdest du Menschen raten, die Schwierigkeiten haben, ihren Weg zu finden?

Ich glaube, dass man nur an Schwierigkeiten wächst. Ich glaube, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen und es so bequem wie möglich zu machen, führt nicht zu dem, was man sich wünscht. Gerade was den Schauspielerberuf betrifft, ist es meiner Meinung nach unerlässlich, dass man lernt, sich auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Bei seinen Söhnen in London

Gab es Spannungen zwischen deiner Frau und dir, als du nach Deutschland gegangen bist?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung  nicht in einem ständigen Aufeinanderkleben besteht. Natürlich  kann man sich auch entfremden,  aber wenn man sich wirklich gern hat, hält eine Beziehung eine gewisse Distanz aus und umso mehr freut man sich auf ein Wiedersehen.  Das hat unsere Beziehung auch immer lebendig und frisch erhalten.

Was war dein bewegendster Lebensabschnitt?

Wenn du mich so fragst, kann ich sagen, dass es die Geburt meines zweiten Kindes war. Das machte mich glücklich.  Beruflich war es für mich die Zeit am Schauspielhaus in Zürich.

Welche Rolle hast du am liebsten gespielt?

Das ist eine häufig gestellte Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Da gibt es ein paar Sachen die für mich sehr wichtig waren. Am Theater am Neumarkt in Zürich zum Beispiel, als Horst Zankl neuer Direktor geworden ist, ein für die damalige Zeit sehr progressiver Regisseur. Da gab es Uraufführungen von Peter Handke, und bemerkenswerte Aufführungen von Stücken von Kroetz und Gerhard Roth. Aber auch am Zürcher Schauspielhaus gab es  großartige Aufführungen. Für mich der Höhepunkt war, als ich unter Michael Kehlmanns Regie in Ödön von Horvaths Stück „Kasimir und Karoline“ die Rolle des Kasimir gespielt habe. Meine Karoline war Christiane Hörbiger und den Schürzinger spielte Helmuth Lohner.

Hast du an dir wegen eines Theaterstücks etwas äußerlich verändert?

Bei „Ritt über den Bodensee“ von Peter Handke haben wir alle mit Vollglatze gespielt. Die Idee Horst Zankls war, das wir wie verfremdete Kunstfiguren, ähnlich wie Schaufensterpuppen aussehen sollten. Zuerst wurde an Glatzenperücken gedacht, aber das sieht nie gut aus. So mussten sich auch die Frauen schließlich die Haare abschneiden. Wir dachten, dass das Stück in längstens 5 Monaten abgespielt sein würde, aber es wurde ein Erfolg, wir haben wir es länger als ein Jahr lang gespielt und so lange blieben auch unsere Kahlköpfe.

Was zeichnet einen guten Schauspieler aus?

Die Imagination: das glaubhaft zu machen, so zu erfühlen, dass man keinen Zweifel hat, dass das jetzt und so passiert. Das ist schon ein Geheimnis. Es gibt viele Schauspieler, auch viele gute – aber geniale Schauspieler gibt es nicht viele. So etwas wie den Oskar Werner, Menschen, die in einer eigenen Klasse spielen, die haben schon ein Geheimnis. Man spürt, wenn er den Raum betritt, dass eine Persönlichkeit da ist. Persönlichkeit ist das Wesentlichste bei einem Schauspieler.

Gerhard Dorfer 2010-4

Wie zeichnet sich die Persönlichkeit aus?

Das ist die Frage. Da kann es verschiedene Möglichkeiten geben. Der eine hat eine Präsenz, der ist da und wenn er was sagt, dann hört man ihm zu und glaubt ihm. Das ist eine Sache des Spürens und des Fühlens.

Hat es Situationen gegeben, wo du dir schwer getan hast, deine Rolle abzulegen?

Da gibst du mir ein Stichwort für eine Anekdote. Ich liebe nämlich Anekdoten. Denn ich bin mehr ein Anekdotiker als ein  Systematiker. Die Anni Rosar, eine alte „Grande Dame“ des Theaters vergangener Zeit, hat auf diese Frage geantwortet: „Das Zurückkommen ist das Schwerste“. Das ist ein origineller Ausspruch, aber ich sehe das nicht so. Das Gegenteil ist die Anforderung von Bert  Brecht an der Schauspieler immer nur darzustellen. Nach Brecht ist der Schauspieler dazu da um zu zeigen und nicht, um die Illusion zu erwecken etwas „zu sein“. Aber der Zuschauer möchte  halt immer hören, der Herr Sowieso ist diese oder jene Rolle. Das ist ein Blödsinn. Ich bin immer der Gerhard Dorfer und ich spiele die Rolle.

Wie würde dich dein bester Freund oder deine beste Freundin beschreiben?

Das ist eine Frage über mein Selbstbild. Ich mag Ungerechtigkeit nicht. Der begegnet man oft im Beruf und ich leide darunter, auch wenn sie mich nicht persönlich betrifft. Ich glaube ich bin ein umgänglicher Mensch und komme mit den Leuten gut aus. Aber es gibt eine Grenze, wenn die überschritten wird, kann es auch geschehen, dass ich einmal ausraste.

Mit der Zille an der Donau

Wie würde dein persönliches Utopia aussehen?

Ich bin eigentlich recht zufrieden damit, wie es mir geht – gesundheitlich, beruflich und auch familiär. Ich habe wenig zu beklagen. Was sich in der Umwelt abspielt, nehme ich allerdings schon mit Besorgnis wahr. Auch was meine Enkelkinder betrifft. Da frage ich mich: „In welcher Welt werden die aufwachsen?“

Hast du eher Helden oder Bösewichte gespielt?

Es gibt einen Spruch, der lautet: „Die Bösen sind immer die Interessanteren.“ Es ist auch seelisch gesünder, einen Bösen zu spielen, denn da wird man was los. Die Guten sind lieb und ok, aber meistens ein bisschen fad. Aufgrund meines äußerlichen Erscheinungsbildes war ich immer der Klassenfeind und der böse Kapitalist.

Gehst du neben der Schauspielerei noch anderen Hobbys nach?

Ja, ich schreibe auch. Ich habe mehrere Theaterstücke geschrieben. Das erfolgreichste war ein Stück  über den letzten österreichischen Schafrichter der Monarchie : „Josef Lang, k.u.k.Scharfrichter“. Ich habe es selbst gespielt und es gab davon zwei TV-Produktionen und mehr als 20 Inszenierungen im deutschen Sprachraum und auch in Tschechien. Sonst bin ich ein Mensch, der gerne in der Natur ist. Ich habe den Wohnort Waldviertel immer sehr genossen. Ich liebe das Waldviertel und die Wachau. Auf der Donau war ich gut 30 Jahre auf einer Holzzille mit einem 20 PS Motor unterwegs und habe die ganze österreichische Donau zwischen Passau und Bratislava befahren. Ich war viel wandern und habe mit einem Freund eine große Trekking-Tour am Himalaya gemacht.

kalapattar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*